fbpx

Synästhesie: Das Wunder mentalen Erlebens

Es gibt Menschen, die ein Geräusch nicht nur hören, sondern auch sehen. Es gibt Menschen, die eine Farbe nicht nur sehen, sondern auch schmecken. Es gibt Menschen die einen Geschmack nicht nur schmecken, sondern auch als eine Form wahrnehmen. Dieses Phänomen, dass ein Sinnesreiz mit einer physisch unabhängigen weiteren Wahrnehmung einhergeht, wird als Synästhesie bezeichnet.

Strahlend, leuchtend - die Blumen der Jahreszeit! Ihr zarter Duft steigt in der Stille auf. Andere hoffen, sie mehrmals zu riechen, doch ich gebrauche lieber meine Ohren! Der Wohlgeruch sendet Lieder wie Juwelen aus; wenn ich sie laut singe, verspüre ich solche Freude! Und wer sagt, dass im Klang kein Duft liegt? Riechen und Hören sind in Wirklichkeit dasselbe.

- Chang Yu

Synästhesie ≠ Assoziationen

Zunächst einmal vorweg: Bei Synästhesie geht es nicht um Assoziationen. Wenn du also eine Farbe mit einem bestimmten Gefühl verbindest oder Tonhöhen räumlichen Höhen oder Helligkeiten zuordnest, bist du nicht unbedingt Synästhetiker. Unsere Sprache ist stark geprägt von diesen Assoziationen, wenn wir zum Beispiel von einer scharfen Stimme sprechen oder von Gefühlskälte. Objekte oder Situationen haben eine schwer zu bestimmende, eher vage Wirkung auf uns. Das ist allerdings bei jedem Menschen so, Synästhetiker hingegen haben tatsächlich eine zusätzliche Wahrnehmung unabhängig vom physischen Sinnesreiz.

Menschliche Wahrnehmung

Das Phänomen der Synästhesie zeigt, wie unglaublich vielfältig die menschliche Wahrnehmung ist. William James sagte 1890:

Bis vor wenigen Jahren nahmen die Philosophen an, dass es einen typischen menschlichen Verstand gebe, dem der eines jeden einzelnen Menschen ähnele … Seit jüngster Zeit jedoch hat sich eine Fülle von Erkenntnissen ergeben, die uns zeigen, wie falsch diese Ansicht ist.

- William James

Synästhesie bietet eine wunderbare Grundlage zur Diskussion und Erforschung der Wahrnehmung von Sinnesreizen und deren qualitativer Ausprägung in unserem Bewusstsein. Also wie kommen all die Reize unserer Sinne im Gehirn zusammen, wie interagieren sie miteinander?

Inneres Erleben ist besonders

Viele Synästhetiker wissen lange Zeit nichts von ihrer Begabung und zwar weil sie nicht darüber sprechen.

Manchmal aus Angst als verrückt abgestempelt zu werden, aber oft auch deshalb, weil sie es für nichts Besonderes halten. Zum Beispiel berichtet eine Synästhetikerin von einem Gespräch mit ihrem Vater als sie 16 Jahre alt war. Sie sprachen über Kindheitserinnerungen, zum Beispiel über die Zeit, in der sie von ihrem Vater das Alphabet gelernt hatte. Sie hatte immer Probleme mit dem R, bis sie begriffen hatte, dass sie nur ein P schreiben und dann einen Strich vom Buckeln schräg nach unten ziehen musste. Und nun kam ihre merkwürdige Bemerkung: „Und ich war ganz unheimlich überrascht, dass ich einen gelben Buchstaben und einen orangefarbenen verwandeln konnte, indem ich einfach einen Strich hinzufügte.“

Ihr Vater war natürlich verwirrt. Ganz selbstverständlich sprach das Mädchen über die Farben der Buchstaben, während ihr Vater keinen Schimmer hatte wovon sie redet. Für sie war das ganz selbstverständlich, ein ganz normaler Teil ihrer Wahrnehmung. Deshalb gab es da aus ihrer Sicht auch nie groß etwas darüber zu sagen.

Und allein diese Tatsache kann uns stark zu denken geben. Denn natürlich empfinden wir die Art wie wir die Welt erleben als normal. Wir sind ja auch nichts Anderes gewohnt. Aber auch deine Wahrnehmung der Welt ist alles andere als „normal“.

Jeder Mensch hat seine geistigen Besonderheiten. Unser individuelles Erleben der Welt ist einzigartig in seinem Facettenreichtum.

Bei Synästhetikern wird dies natürlich sehr offensichtlich. Aber ebenso kannst du geistige Besonderheiten bei jedem Menschen entdecken. Wir sprechen viel zu wenig miteinander über unser geistiges Erleben. Zum einen, weil wir es für nicht besonders halten und uns deshalb zu wenig in der Tiefe damit auseinandersetzen. Zum anderen, weil wir es uns zu wenig trauen.

Geistige Verbundenheit

In seltenen Momenten, wenn ein bestimmtes Ereignis oder eine bestimmte Wahrnehmung etwas ganz Bestimmtes in uns hervorruft, ganz bestimmte Assoziationen weckt und man merkt, dass ein anderer Mensch gerade genau dasselbe empfindet, ganz unabhängig von irgendwelchen begrifflichen Definitionen, dann fühlen wir uns in dieser Situation geistig miteinander verbunden – Seelenverwandtschaft. Dieses Gefühl könnte viel öfter auftauchen, wenn wir mehr miteinander reden würden.

Das Wissen über das mentale Leben von Synästhetikern kann uns dazu animieren, unsere eigene Natur tiefer zu erforschen und damit die Reichhaltigkeit des Lebens und menschlichen Geistes intensiver zu erfahren. Und es kann uns vor Augen führen wie lohnenswert es ist, sich mit anderen Menschen über das eigene innere Erleben auszutauschen.

Im tiefen und dunklen Zusammenhang
des Echos, das weit entfernt wieder erwacht,
so lang wie der Tag und lang wie die Nacht,
entsprechen sich Farben, und Düfte, und Klang.

- Charles Baudelaire

Teile diesen Beitrag:

Erhalte als Premium Mitglied Zugriff auf viele weitere Artikel, Reviews, den Mindbuilding Podcast und mehr.

Mit Fantasie aus der Depression

Manche Gedanken verursachen irrationale Ängste und Sorgen, sind der Auslöser für negative Gedankenschleifen und blockieren uns damit in unserem Handeln. Lerne jetzt, wie Du Dich davon lösen kannst.

Weiterlesen »

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Ich bin nach diesem Artikel ein wenig überrascht, wie bekannt mir einige Dinge vorkommen. Es ist für mich z.B. selbstverständlich, dass ein “A” Blau ist, ein “B” grün usw…

    Auch Gefühle haben für mich Farben. Angst ist zum Beispiel blau. Wenn ich Angst habe wirkt auch alles in der Umgebung etwas “bläulich”.

    Wenn Menschen zum Beispiel wütend aussehen (Mimik), dann haben sie einen roten “Touch”, um sich herum. Ich weiß nicht, ob das unter Synästhesie fällt.
    Für mich fiel darunter bisher nur diese Extrem-Synästhesie (Menschen die etwas hören und dann z.B. geometrische Muster sehen).

Schreibe einen Kommentar